21.08.2020

Der Jazzclub eröffnet die herbstliche Konzertsaison
Früher Jazz mit Nina’s Rusty Horns

Es hatte ein wenig den Anschein eines Neustarts: nach der verhagelten Frühjahrssaison lud der Jazzclub Paderborn zum ersten Konzert der zweiten Jahreshälfte in die Kulturwerkstatt und konnte gut 50 interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßen.
Statt der gewohnten Cafeteria-Umgebung musste corona-bedingt mit dem Großen Saal vorlieb genommen werden. Das tat der Atmosphäre wider Erwarten keinen Abbruch und war zweifellos der Verdienst von Nina’s Rusty Horns aus Köln.
Nina und ihre Mitstreiter haben sich dem frühen New Orleans-Jazz verschrieben mit all seinem Schmutz und Charme. In Vergessenheit geratenes Repertoire von alten Blues-Ladys wie Bessie Smith oder Memphis Minnie erzählt vom Leben, insbesondere dem Liebes-Leben natürlich. Es ist die ursprüngliche, pulsierende Tanzmusik, die erst später Jazz genannt wurde und in den Bars der Stadt immer noch gespielt wird wie damals.
Dies geschah am vergangenen Freitag in so authentischer Form, dass man geneigt ist den aus der Alten Musik bekannten Begriff der historischen Aufführungspraxis zu verwenden. Angefangen bei der damals üblichen Bläserbesetzung mit Klarinette, Kornett und Posaune sowie der Rhythmusgruppe mit Sousaphon, Banjo und Washboard passt alles wie zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Im Vordergrund die kraftvoll-durchsetzungsfähige Stimme von Nina Lentföhr, die Phrasierung und gesanglichen Ausdruck ihrer Vorbilder genau studiert hat. Noch dazu ist die gesamte Bühnenpräsenz so nah an den Originalen, dass man nicht nur wegen des schwülen Wetters vergessen konnte an der Pader und nicht am Mississippi zu leben.
Und so erklingen Klassiker wie “I wish I could shimmy like my sister Kate” oder die auch vom Rezensenten so noch nicht gehörte Urversion des Nina-Simone-Klassikers “Love me or leave me”. Eigenkompositionen wie “Baby you should take me home” sind zu hören, die sich nahtlos einfügen als wären sie ebenfalls vor gut 100 Jahren entstanden. Auch der Schlager “Die Farbe der Liebe”, seinerzeit von Paul Kuhn gesungen, verirrte sich ins Programm. Letzterer war jenseits seiner Ausflüge ins seichte Genre ein veritabler Jazzpianist und man darf davon ausgehen, dass ihm Nina’s Interpretation sehr gefallen hätte.
Nicht ganz zu Unrecht ist dieser alte Jazz bei vielen selbsternannten Connaisseuren in Verruf geraten; mit Strohhut und Streifenweste in mäßiger Qualität vorgetragener Dixieland-Abklatsch hat viel dazu beigetragen, dass diese urwüchsige Variante heute kaum noch gespielt wird. Aber auch eher progressiv orientierte Clubmitglieder konnten an diesem Abend die Klasse der Rusty Horns neidlos anerkennen. Die Band ist stilistisch und musikalisch über jeden Zweifel erhaben. Dynamisches Spiel und differenzierter Sound zeichnen die Musiker aus und so ist zweifelsfrei zu hören, dass hier junge gut ausgebildete Profis am Werk sind, die den Wert dieses kulturellen Erbes erkennen und wertschätzen. Noch dazu bringen Nina’s Rusty Horns echte Persönlichkeit mit, ausgezeichnet durch klar erkennbare Spielfreude und musikalische Kommunikation auf der Bühne.
In der Summe ein sehr authentisches und besonderes Konzerterlebnis, dass ein begeistertes Publikum erst nach zwei Zugaben als beendet ansehen mochte.

Von: Volker Kukulenz