Donnerstag, 17.09.2020, Westfalenblatt:

Mit einer 14-köpfigen Besetzung
überzeugt die Sebastian-Müller-Band ihr Publikum in der Kulte.

Paderborn (WB). Selten war die Kulturwerkstatt in diesem Jahr so gut besucht wie am Freitag. Sowohl im ausverkauften Saal als auch auf der Bühne fand sich kein freier Platz mehr.
Text und Foto: Volker Kukulenz

Die Sebastian-Müller-Band lief in großer Besetzung auf. Mit sechs Bläsern, einem vierstimmigen Vokalensemble und ebenso starker Rhythmusgruppe teilten sich 14 Musikerinnen und Musiker die Bühne. Dabei mussten eigens durch das Haus gebaute Plexiglaswände eingesetzt werden, um alle Abstandsregeln einzuhalten. Dank Sitzplatzerfassung und guter Lüftung erwies sich aber alles corona-konform und dennoch durchaus komfortabel.
Doch all das hinderte die Band nicht daran, ihr Publikum von sich zu überzeugen. Die Bläser taten dies durch immense Homogenität, einen Spitzenton und spritzige Kicks. Die Vocal-Section, bestehend aus drei Sängerinnen aller Stimmlagen sowie einem Tenor, brillierten mit nahezu perfektem Satzgesang und beeindruckende Solonummern. Darunter legte die Rhythmusgruppe ein Fundament, das das Publikum mitriss.
Jazz, R&B, Gospel
Der Klassiker „Love For Sale“ von Cole Porter bereitete den Zuhörern viel Freude mit rasenden unisono-Linien der Bläser, aberwitzigen Groove- und Tempowechseln und virtuosem Satzgesang im Stil der New York Voices. Eine Besonderheit des Konzerts bildet die Interpretation des Volkslieds „In einem kühlen Grunde“. Dort zeigte sich die stilistische Bandbreite der Band, für die Jazz als musikalische Form offenbar nur ein Thema unter vielen zu sein schien. R&B und Soul, Gospel und sogar Reggae wurden ebenso selbstverständlich wie souverän bedient. Und tatsächlich stand auch einiges an Pop mit deutschen Texten auf dem Programm.
Wie diese Vielfalt an Songs in das Programm geraten ist, weiß vermutlich nur der Bandleader.
All das aber wäre nicht denkbar ohne die Arrangements von Spiritus Rector Sebastian Müller, der sich in launigen Ansagen für die wohlwollende Geduld der Band bedankte. Die Geduld Müllers werde zur Ausführung seiner Ideen in den Proben allerdings häufiger strapaziert.
Detmolder Jazz
Durch die Lokalität der Kulte bot sich ebenfalls ein angenehmer Nebeneffekt. Die akustischen Verhältnisse im Großen Saal waren für den mit angereisten Tonmeister etwas leichter zu bewältigen, wenn auch der Gesang im ansonsten sehr ausgewogenen Klangbild zeitweise etwas zurückblieb.
Die Wurzeln der Band liegen in Detmold. Allerdings hat es viele Mitglieder nicht lange dort gehalten. Heute sind sie über das halbe Land verteilt und kommen in dieser Formation nur zu Konzerten zusammen. Letzteres, dem Applaus des Publikums zu urteilen, viel zu selten.
Den zahlreich angereisten Fans schien das Konzert jedenfalls gut gefallen zu haben. Bei manchen Jazzfreunden sorgte die alternativen Programmteile wie die Darbietung von „In einem kühlen Grunde“ allerdings für verwundertes Kopfschütteln. Doch allein die schiere Qualität der Ausführung ließ den Wunsch nach mehr jazztypischen Elementen, insbesondere Improvisation, in den Hintergrund treten, und so waren sich letztlich alle einig, dass dem Jazzclub als Veranstalter hier erneut ein echter Coup gelungen ist.